Tourbericht 1995-Teil 1

Tourbericht 1995, Teil 1

Dienstag 28.3.95

Es wurde Zeit für die SILVERMACHINE, einem großen, campingartigen, silbernen Mercedes 208 Bus, natürlich gebraucht gekauft, und in mühevoller Arbeit von Scheet und ED, dem unglaublichen Mechaniker in Eindhoven, fast komplett überholt. Fast, denn einen Tag, bevor alles losgehen sollte, sagte Scheet "Ja!" aber die SILVERMACHINE „Nein":
Die menschliche Fehlbehandlung des Wagens bekam eine klare Antwort: Motor am Arsch. So kam an diesem Dienstag ein Fax aus Eindhoven:
MAYOR CAR DAMAGE! Did it myself! - Scheet. Schnelle Entschlüsse mussten gefasst werden und wurden gefasst: Absage der Italien Konzerte, bzw. Verschiebung auf später. Eine Woche Reparatur-Zeit.

Böse Jokes über die SILVERMACHINE und SCHEET machen die Runde. Am Ende entpuppen sie sich als unberechtigt alle sind da. Auch Len, der im letzten Moment von einer unfreiwillig besuchten Fete in Groningen gerettet werden konnte. Ankunft im Brut in Zürich, ultra-brutales Dilettanten Kicker Match. Kaspar Pfenninger zeigt uns das auf zwei heiklen Stahlträgern liegende Mischpult, weit entfernt von der Bühne schwebend. Die Verkabelung braucht Evel Knevel, aber es gibt nur Kaspar. Gegen zwei Uhr ist alles installiert. Len spielt Afro-Punk, DD freakt psychedelischen Gitarren Lärm und Scheet checkt jazzy Bass, bis hin zu bösen Grooves. Der Performer kriecht an den seltsamen Gestalten der Nacht vorbei, springt auf die Tischtennis Platte und frisst Glas. "Der Rhythmus des Autos ist nicht der Rhythmus der Ameisen", ist eine der Schlüssel-Textzeilen des Abends.

Das Publikum ist bizarr, da ist der reiche schwarze Onkel Philly mit seinen Zuhälter Geschichten und seiner Frau mit den vier Kindern zu Hause, da ist ein aggressiver Kroate, ein Typ ungarischer Abstammung, betrunkene Mexikaner und jede Menge Alk Obsessionen an der Bar. Len und Scheet schlafen im Wagen, DD und Frankie begehen den Fehler und pennen im Club: Während Kaspar die Live-Aufnahme über die P.A. donnern lässt, schlägt er kurzum die Einrichtung klein und prügelt sich mit seiner andalusischen Freundin, obwohl er eigentlich schwul ist. Schlafen ist unmöglich. Immer dann, wenn DD ihn fragt ob alles okay sei antwortet Kaspar mit zerbrochener Flasche in der Hand: " Das war genial - hör dir diese Aufnahme an." Und klirr! Ein viel versprechender Tour Auftakt.

Zwei Holländer entdecken die Schönheit der Alpen. Zwei andere Mitglieder auch. Nur die Bremsen entdecken etwas anderes: Sie versagen.
Glücklicherweise ist der Milchmann gleichzeitig der Mechaniker im Dorf, in dem der Bus mit Mühe und Not stoppen kann. St. Moritz ist eben nichts für Flachland-Tiroler am Steuer. Der italienische Zoll ist für keinen was. Aus- und einpacken, und dann will der Typ gleich noch eine CD kaufen, nachdem er erfährt, dass wir Jazz-Musiker sind. Aus dem Gig in Feltre wird nichts mehr. Man verbringt die Nacht am Lago Iseo und schaltet das Schummerlicht im Wagen ein. Es läuft Coltrane Jazz und die SILVERMACHINE wird mit samt einer Flasche Wodka zur schäbigen Spelunke.

Via Venedig und Triest geht es nach Koper, Slowenien, direkt an der Adria auf der istrischen Halbinsel gelegen. Koper, da gab es erstmal böse Jokes drüber: "Beim letzten Mal mussten wir die Verstärker über den Strand schleppen, um zum Club zu gelangen"
- ganz so schlimm wird es dann doch nicht. Scheet verliert in den schmalen Altstadt Gassen Teile der Stossstange und die Geduld.
Der auf CD umgestellte Plattenladen lässt trotz des Verhandlungsgeschicks des unfreiwilligen Managers nicht mit sich reden und verweigert den Ankauf der Flubba Discs. Am Ende versteht er und gibt uns genug Geld, um im gegenüberliegenden, antivegetarischem "Bife Museum" Bier trinken zu können, das hier Pivo heißt.
Das Konzert wird von Fackeln, Plastikfolien-Kriechtier Frankie und einem leichten Agitations-Rhythmus-Lärm begleitet, ehe die Menschen eine Ansammlung von wertlosem, internationalem Münzgeld um die Ohren geworfen bekommen. Später sammeln sie es wieder ein - so ein ehrliches Publikum kann es geben. DD trifft nicht ganz zufällig auf eine alte Bekannte und plant einen Coup, den wir zu seiner - und unserer- Sicherheit am nächsten Tag, nach ausführlichem Wodka Genuss, platzen lassen.

Wir verlassen recht spät Koper, passieren die aufgeblähte Grenze zu Kroatien, lassen uns durchsuchen, geraten in einen Schneesturm (!) und in eine weitere faschistoide MP-Kontrolle, landen viel zu spät im UIjanik Club, indem etwa 1000 MTV Kids zu Rollins, Biohazard und Kud Idijoti abtanzen. Wir sagen he-ho-let's go, die Band spielt seltsam psychedelischen Groove, während ein fast nackter Mensch mit Gasmaske sich den Weg durch die Masse ebnet. Und dann explodiert alles, Scheet zündet Kracher und ruft: "We all hate Sarajevo, but we like the Sound of it!" - und Frankie zertrümmert eine Flasche Bier mit einem Glas, das nicht zerspringt mit den Worten: " These is Tudjman Quality!". Tausend Leute drehen ab, und mit ihnen die Band. Man erwacht am anderen Morgen bei Sonnenschein direkt am Meer.

Nach der Spießruten Fahrt über die Autobahn Zagreb-Belgrad, vorbei an vollbewaffneten Soldaten hinter Sandsäcken und UN-Panzern, vorbei an zerschossenen und zerbombten Dörfern, landen wir in POZEGA, wo eine Schar Punks bereits auf uns wartet. Der Sänger der Support Band stolpert völlig betrunken über alles, was ihm in die Quere kommt, als wir nach ihnen loslegen, sitzen sie zunächst auf dem Boden, ehe wir unser Lärm Potential steigern, und damit auch den Spaß am Chaos, das nun auf alles übergreift. Springende Kids, eine feuchte Pivo-Schlacht durch den Trichter, zynische Kommentare, noch mehr Sarajevo Kracher, positive Energie, in einer ansonsten sehr depressiv-destruktiven Gegend. Die Nacht bei Marko Franzus wird zur Talfahrt aus Himmel Wahn und Hölle. Paranoia und Schizophrenie pur.

Zurück nach Kroatien, zurück nach Istrien, PULA.
Was hat man nicht alles zerlegt. Säuberlich nach einem nationalistisch faschistoidem Schnittmuster. Aber wem passt das Kleid der neuen Schneider? In Istrien passt es noch viel weniger.
Die viel zu kleine Straße von Koper nach Pule hat jetzt ein großartiges Zollabfertigunggelände bekommen. Und großartige Zöllner. Als sie uns durchsuchen, und das chinesische Spielgeld mit dem Aufdruck "Hellbank Note" finden, sind sie unsicher. Ist das mitführen solcher Devisen erlaubt? Der Chef mit cooler Macho Sonnenbrille kommt in Zivil hinzu, klärt die anderen auf. "Alles okay, das ist ein chinesisches Zahlungsmittel, kenn ich." Wir beeilen uns, lachend einzusteigen. Die neue kroatische Landeswährung, den Kuna, gab es bereits schon mal, im zweiten Weltkrieg, als Kroatien mit Hitler Deutschland kollaborierte.
PULA, historisches und geistiges Zentrum von Istrien. Von hier stammten unter anderem die Partisanen. Nach Rom steht hier das zweitgrößte, erhaltene Kolosseum der Welt. Heute scheint es so, als wäre die Zeit wieder reif für "Brot & Spiele". Direkt an der Adria gelegen, ist Pula auch Urlaubszentrum. Die Touristen kommen natürlich nicht mehr so zahlreich wie früher - aber immerhin noch so zahlreich, dass man für sie im Sommer auf die eigene Wasserversorgung verzichtet.
Wir kommen zu spät, viel zu spät. Das hat seinen Grund: Kurz vor Pula, das Wetter spielte auch noch verrückt, hielten uns kroatische Bullen an, durchsuchten den Wagen, wollten von uns Geburtsort, Namen der Eltern, etc. wissen, ob wir Junkies seien, malten unsere Tatoofarben auf einem Zettel, und so weiter.

Im riesigem Rock Club ULJANIK sind bereits hunderte Kids und tanzen draußen und drinnen zu den Klängen von Biohazard und Co. BRANCO kommt auf uns zugelaufen, alles muss schnell gehen, und es geht auch schnell: Aufbau und Soundcheck, dann eine chaotische Fahrt in seiner alten Kiste zur Pizzeria. BRANCO ist Mitglied der legendären Veteranen Punk Band KUD IDIJOTI genießt Kult Status in ganz Jugoslawien. Und BRANCO ist betrunken, und sieht die Dinge doch klarer als man es für möglich hält:
" Sie haben den Polizei Chef von Ossijek nach Pula verlegt. Sie wissen, dass die Leute hier gegen den Krieg und gegen das Regime sind. Wisst ihr, was das für ein Typ ist, dieser Polizei Chef von Ossijek? Sie wollen Pula und Istrien 'reinziehen, sie können hier jeden jederzeit an die Front schicken, und das machen sie auch. Um das abzulehnen braucht es ein paar sehr gute Gründe, ich hab' solche, noch. Sie haben die Polizei-Kontrollen verstärkt, angeblich, um mehr Sicherheit auf den Straßen zu gewährleisten. Schon behaupten sie, wären die Kriminalität und die Unfälle zurückgegangen. So fängt es an. Sie wissen, das es hier - historisch und auch sonst - immer Widerstand gegen Faschismus gegeben hat. Aber ihr versteht das nicht, wie soll man auch verstehen, warum jemand wie ich seine Frau und Kinder in Novi Sad leben hat, und deswegen über Ungarn einreisen muss, um sie zu sehen?"
Bei allen Depressionen ist BRANCO dann aber doch nicht der Typ, um im Selbstmitleid zu ertrinken. Erst recht nicht, wenn er die anderen KUD IDIJOTI's trifft. Und die treffen wir, nachdem wir uns durch nunmehr tausend Kids im UIjanik Club in den Backstage Raum gedrängt haben, wo wir Pivo und Wodka kippen.
Die Band selbst existiert seit über zehn Jahren (!), leben in Kroatien und haben zwei Serben in ihrer Band (!) die als Konsequenz zu dem Nein zur (staatlich) verordneten Frage:
"Fühlen Sie sich als Kroate?" mit dem Entzug der Arbeitserlaubnis und des Personalausweises belohnt wurden. Nachdem sie sich dann auch noch in einem genialem Video Clip über die Regierung lustig machten, war der Boykott im TV/Radio trotz tausendfacher Fan Proteste vorprogrammiert. Noch absurder wird es, wenn, wie BRANCO erzählt, ihr altes Label aus Belgrad Abrechnungen für über 10.000 verkaufter Platten schickt, die dank Hyperinflation den Gegenwert von ca. 40 Pfennigen haben! Davon kann man wohl kaum leben.
Nun sind auch noch die Rechte von älteren Platten über fadenscheinige Wege (eine Mischung aus Bootleg und Mafia) verkauft worden, ohne dass die Band dagegen hätte etwas machen können. Dem setzen die Jungs von KUD IDIJOTI eine Mischung aus RAMONES, BUZZCOCKS und Volks- und Partisanenliedern entgegen: "HOCEMO CENSURA" - Wir wollen Zensur!
Pula selbst ist nur indirekt vom Krieg betroffen - aber die Leute dort wissen, wie schnell sich das ändern kann.