Interview
Interview
von den 10.16 Leuten (würzburg), mr boredom und 69N+F, mit DD 1991:
Ihr habt im Frühjahr 1991 euer zweites Album auf eurem eigenen Aural-Exciter-Label veröffenlicht. Wie hat sich Jaywalker weiterentwickelt in euren Augen bzw. Ohren?
„Ich würde sagen, der Sound ist runder geworden, es läuft mehr am Schnürchen ohne unbedingt eingängiger zu wirken. Die Songstrukturen entwickeln sich immer weiter weg vom gängigen Rocksong-cliché (Strophe - Refrain usw.). das haben wir schon auf der ersten LP versucht... dort hört sich das aber noch ziemlich holzig und ungehobelt an. Es braucht halt seine Zeit, zusammenwachsen was zusammengehört.
Wir versuchen Stücke zu machen, in denen kein Teil zweimal vorkommt. Das Resultat darf aber nicht gesucht sein, sondern sollte sich organisch ineinander weben, etwas Lebendiges sein (ein Kreis-Lauf, das geboren wird, sich ändert, (ver-) lebt, zusammenfällt und stirbt."
Gibt es nach der Auseinandersetzung mit dem Thema Anarchie auf "free energy... "ein ähnliches Grundthema?
„Unsere erste LP ist ja unter ziemlich chaotischen (im negativen Sinne) und sehr schwierigen Umständen entstanden. Und von mir aus gab es keine eigentliche Auseinandersetzung mit Anarchie/ Anarcho-Syndikalismus. Es gab sehr wenig Text und bei den wenigen "lyrics" war auch nicht viel Brauchbares dabei. Mit "USSA" (0st-West- (oder umgekehrt) -Anbiederung, der Hüllencharakter und die Austauschbarkeit von Links-, Rechtsideologien, Gorbi-Kritik), "Homo Sap" (Wortspiel von W.S. Burroughs: Homo Sapiens = wissender Mensch. Aber: sap dumm, trottelig.) und "Aural Exciter II" - der Text ist von unserem ex-Bassisten/ Sänger Joke - handelt von einer Bekannten von Joke, die in einem Asylantenbetreuungsbüro arbeitete und sich eines Tages umbrachte) war ich zufrieden.
Auf der zweiten LP gibt es viel mehr Text der unterschiedlichen Art: "Size of the flow" ( ein verzweifelter Leserbrief aus einer Tageszeitung), "ldentic disc" (aus: "Der General der toten Armee" vom albanischen Schriftsteller Ismael Kadare. ein italienischer General a.D. wird nach Albanien geschickt, um die toten italienischen Soldaten des 2. Weltkrieges zusammenzusuchen), "Question of Power" (über Simone Weil, die Anarcho-Syndikalistin der 30er und 40er Jahre.
Hier geht es auch wieder um Anti-Ideologie, Heilslehren, die den Menschen das Blaue vom Himmel versprechen. Marx hat ein tolles Buch geschrieben, "das Kapital". Seine Analyse des Kapitalismus ist einmalig und hat auch heute noch seinen Wert, obwohl das bürgerliche "Medienschaffende", "Wirtschaftsvertreter" und Politiker abstreiten. Jetzt nach Zusammenbruch des totalitären Staatskommunismus erst recht.
Es geht darum, nicht nur die wirtschaftlichen Machtverhältnisse und das Verteilwesen zu verändern, sondern auch der Mensch muss eine Entwicklung hin zu Solidarität und ganzheitlichem Denken machen. Siehe Adrien Turel und Franz Jung.
"i told them my dreams " hört sich persönlich an... Eine ruhigere Platte?
Hat mit unserem momentanen Lebensgefühl zu tun... Das Cover, ein Afro-Amerikaner hinter Gittern, und der denkt sich das eben: Dass ich denen bloss von meinen Wunschträumen geredet habe, und darum hier schmorre. Es ist doch beinahe überall so, denke ich, dass es reicht, anders aufzutreten, eine andere Sprache zu sprechen, anders zu denken, um als Aussätzige(r) in ein Ghetto abgeschoben zu werden. Und hier komme ich wieder zurück zu dem, was ich oben gesagt habe: Es reicht nicht, wenn die RAF irgendein hohes Tier wegputzt (obwohl ... ), es kommt bestimmt ein neues. Es braucht auch einen neuen Menschen.
Kommt hier auch wieder hoch, mit diesem Fichenskandal, diesen absolut menschenfeindlichen Strukturen, dem militarisierten Alltag im reichsten Land der Welt, das seinen Reichtum, seine Anhäufung von Reichtümern dem Zynismus und der Doppelmoral verdankt. Diese Strukturen eben, die hier das alltägliche Leben bestimmen, unter denen mehr Leute leiden als profitieren (das ist tendenziös), geschaffen von einer hegemonialen Patrizier-Klasse. In den letzten dreissig Jahren wurden ca. 900'000 Leute fichiert, bespitzelt. Oft reichte ein stupider Verdacht, oder ein Sprachaufenthalt in Moskau. Daher der beliebte Ausspruch in der Schweiz: "Wenn's dir nicht passt hier, geh' doch nach Moskau!"
Ihr orientiert Euch nicht an den gängigen Schubladen und Trends. Wo liegen eure musikalischen Vorlieben ? Fühlt ihr euch einer bestimmten Ideologie oder Stitrichtung verbunden?
Wir fühlen uns weder einer Stilrichtung noch einer Ideologie verbunden oder verpflichtet. Ich staune über Leute, die von sich behaupten können, nur für das und das zu leben. Wir gehen von moralischen Wertvorstellungen aus: Der Achtung und Respektierung anderer Menschen.
Gelebter Solidarität! Das hat allrdings seine Grenzen. Einem Fascho-Skin drücke ich natürlich kein Bussi auf die Wange. Es kann sie nicht geben, diese eine Ideologie oder Lebensmaxime, die das Leben der Leute auf eine vegetative Art und Weise bestimmen soll. Eine Ideologie ist etwas starres, einengendes, begrabendes - ob sie nun von rechts oder links kommt. Es ist etwas für Leute, die Angst vor dem Leben haben.
Dazu noch Max Frisch: "...Kunst zu machen, die nicht national und nicht international, sondern mehr ist, nämlich ein immer wieder zu leistender Bann gegen die Abstraktion, gegen die Ideologie und ihre tödlichen Fronten, die nicht bekämpft werden können mit dem Todesmut des/ der Einzelnen; sie können nur zersetzt werden durch die Arbeit jedes/ jeder Einzelnen an seinem/ ihrem Ort."
Inwieweit seid ihr mit dem Schweizer Underground verbunden?
Wo fängt der Underground an und wo hört der auf? Was ist Underground? Bist du bereits Underground, wenn du etwas anderes machst als die Masse? Oder einen nicht gängigen Musikgeschmack hast? Wenn du Häuser besetzt? RAF ist für mich Underground, aber ein schlechter, da ihre Aktionen nur auf Destruktion aufgebaut sind - früher hab ich anderst geredet - und sich die Actions auf wenige Leute beschränken. Der Effekt ist der gleiche wie beim Fass ohne Boden.
In der Schweiz gibt es eine Organisation mit ca.700 Mitgliedern, die abgewiesene Asylbewerber verstecken und ihnen zu neuen Pässe verhelfen. Für mich ist das Underground.