Tourbericht 1995, Teil 4
Das Frühstück besteht wieder einmal aus Osborne Veterano, Tapas und einem Besuch einer Markthalle sowie eines "Alles für 300 Peseten-Ladens. So kann man seine Gage auch loswerden. Dort treffen wir auch auf MIGUEL, der die Gigs für uns in Spanien koordiniert hat. Am Bahnhof Atocha holt ein kleiner, schmaler Kerl, mit dunklem Lockenkopf und äußerst sympathisch, uns ab. Dass ausgerechnet er „straight edge" lebt, wird noch zu einigen Verhängnissen führen. Zunächst geht es Leganes, einem eigenständigen Vorort von Madrid, wo es ein besetztes Gehöft gibt, das auch unsere Schlafstätte sein wird. Dort genießen wir ein öliges, veganes Cous-Cous, das uns animiert, statt der gebotenen Zumos (Säfte) schnellstens zum Bier zu greifen, von wegen Flüssignahrung und so.
Erste spaßige Kontroversen mit Miguel führen zur allgemeinen Belustigung. Danach heißt es die „Gesangsanlage" aufzutreiben, eine 40 Watt Gitarrenverstärker und zudem kreuz und quer durch Madrid zu düsen, während auf der Rückband der Silvermachine halb Leganes für Party und Stimmung sorgt.
„Im Moment sieht es in Madrid nicht gut aus, viele Häuser wurden geräumt, es gab regelrechte Straßenschlachten. Deswegen ist es in Leganes auch sicherer!" meint Miguel.
Wir spielen dennoch im Zentrum, in einer großen, besetzten Schule, in einer Halle, die mit der „Super P.A." etwas unter beschallt wirkt.
Egal, genauso egal wie dass eine halbe Stunde vor Konzertbeginn noch ein Verlängerungskabel gekauft werden muss, weil die einzige (!) Steckdose in zwei Kilometern Entfernung liegt. Draußen lungert ein eher Hardcore verwöhntes Publikum rum und besäuft sich mit Kalimocho, einem üblen Cola/Wein Gesöff. Scheet lockt diese und gleich noch (und zum Glück) eine ganze Menge anderer Leute mit der Trompete in die Halle - das Ritual der duellierenden Trompete - Tröte eröffnet mal wieder das Konzert. Es wird zu einer Art abgefuckten, lauten "Can meets the Sex Pistols" Show, bösartig und mit einer wilden, aggressiven Performance, kurz und bündig - das führt dazu, dass Miguel draußen mit den Nachbarn kämpft, die drauf und dran sind, die Guardia Civil zu rufen - einer von ihnen ist im Pyjama und sorgt zur allgemeinen Erheiterung.
Ehe das alles eskaliert, ist der Gig vorbei. Trotzdem ist sich Miguel sicher, „werden hier nach euch so schnell keine Konzerte mehr drin sein - das war zu laut". Die Stimmbänder haben das auch gemerkt. Wir fahren zurück nach LEGANES, und Miguel versucht, uns Angst zu machen: "Ab und zu werfen Skinheads Molotow Cocktails auf das Haus. Außerdem schlaft ihr mit besoffenen Red Skins in einem Raum, seid ruhig wenn die kommen. Einer von ihnen ist sehr bekannt und hat 7 Nazi Skins zusammengeschlagen - wollt ihr noch Zumo und Cous-Cous?" Letzteres machte uns wesentlich mehr Angst, als die Skinheads, im Übrigen völlig zu Recht. DD, bis dato schon absoluter „King of Kaka" der Tour, wegen seiner stundenlangen Toiletten-Sessions, sollte am nächsten Tag alle Rekorde brechen. Ein weiteres Problem bot sich in Form von einer abgeschlossenen Tür und einem zu kleinem Schlüsselloch zum nächtlichen durchpinkeln - denn eine Toilette gab es nicht!
30.04.95 Madrid
Wir fahren ziemlich verkatert in die lnnenstadt, wo an jedem Sonntag eine Art linker Punk/Anarcho/Politmarkt stattfindet, auf dem man jede Menge Fanzines, Bücher Tapes und Platten kaufen und tauschen kann. Hier erfährt man auch, was so abläuft. Wir machen Promotion für unser Zusatz Openair Konzert in Madrid-Leganes. Bei über 30 Grad bauen wir gemütlich unser Equipment im Innenhof des besetzten Gehöfts auf, installieren Feuerwerkskörper, im Hintergrund geht die Sonne unter - es wird ein verspieltes, Funky-Afro-Dance Konzert, das vor allem von der einmaligen Atmosphäre lebt. Bei der Performance dreht Frankie weite Kreise, tanzt mit chinesischen Kugeln, die er zuvor ausgegraben hat, wild umher, spielt mit den Elementen Wut -Furcht - Freude. Dazu gibt es groovy Rhythmn's und einen hypnotischen Sound. Das Rad wird anschließend mit brennender Fackel bespielt - das Publikum schaut beeindruckt zu. Sogar der Redskin kauft danach ein Tape, sehr zum Erstaunen von Miguel - der recht verwirrt wirkt.
Es wir immer heißer, denn jetzt geht es nach Merida, unweit der portugisieschen Grenze. In der Extremadura gelegen, einem extrem trockenen Gebiet, vorbei an frei unter Korkeichen grasenden Stierherden, weiten, menschenleeren Gebieten, vorbei an wilden, ausgetrockneten Flussläufen.
Miguel verspricht uns „Sex, Drugs und Rock'n'Roll" und dazu: "Nach dem Gig in Merida werdet ihr Stars dort sein. Bisher sind sie nur spanische HC-Bands gewohnt."
Während er straighten O-Saft trinkt, ist der Rest schon wieder auf Wein umgestiegen. - „Oh, diese Giddies (Gringos)!"
Wir sind indessen sicher, dass er nach zwei weiteren Wochen mit uns seine Straight Edge Haltung aufgeben musste - oder er hätte es nicht überlebt.
Wir kreieren auf der Wandergitarre den anti-veganen Hit „I killed Kermit for some Kikkerbilletjes (Froschschenkel)".
Miguel schöpft leider Verdacht als wir den kroatischen Früchte-Grappa als Saft anbieten.
Und dann sind wir in Merida, einer alten Stadt mit römischen Äquadukt, in dessen Nähe wir spielen.
Überall nisten Störche, es ist heiß und wir wandern in die nächste Bar. Der Club, ebenfalls besetzt, muss demnächst einer Fabrik weichen, leider. Es ist Mainacht und die Leute kommen von überall - ein irrwitziger Hund scheint genau zu erkennen, in welchem Wagen weibliche Wesen sitzen - immer dann läuft er drauf zu - seltsam. Die zwei lokalen Support Bands sorgen für Stimmung und Spaß, die erste hat gleich ein Dutzend Fans aus der Schule und ihre Eltern mitgebracht - das Durchschnittsalter der kleinen dürfte 12 Jahre kaum überschreiten. Ihre spanische Variante der „Red Hot Chili Peppers meets Green Day" kann sich hören lassen. Sehen lassen kann sich hingegen auch der Whisky, der uns in 0,5 Liter Bechern überreicht wird - tödlich. Trotzdem oder gerade deswegen gibt es nachher ein echtes, lautes und lustiges Party Konzert zur Fiesta - Miguel hat nicht zuviel versprochen, es gibt viele Zugaben und noch mehr Drinks.
Wir wachen an einer Autobahn Raststätte hinter Zaragoza auf, gehen Frühstücken und beobachten auf einem IV-Schirm, wie die Guardia Civil versucht, unseren Wagen zu kontrollieren. Das kommt witzig, also frühstücken wir etwas länger und schauen den Deppen zu. Als wir völlig relaxt zum Wagen zurückkehren, und sie uns wirsch kontrollieren, kapitulieren sie vor dem Gestank und dem sinnlosen Rumwühlen in unseren Sachen. Dabei haben sie vergessen, die Pässe zu kontrollieren. Weniger lustig ist, dass danach die Silvermachine 20 km abgeschleppt werden muss -nichts geht mehr, kein Trick hilft, um sie anzubekommen. Das endet in irgendeinem Kaff, indem wir wie die Schwerverbrecher die Lebensmittelverkäuferin einschüchtern und 5 Stunden warten, um weiterfahren zu können. Endlich erreichen wir Barcelona. Dort ist alles viel hektischer, breite Avenidas, chaotische Verkehrsführung, aber ein freundlicher Motorrad-Fahrer weist uns den Weg CULTURAL CENTRE GUINARDO, unweit des großen St.Paul's Hospitals. Natürlich sind wir zu spät. Und die Silvermachine kann auch nur mittels mehrerer Helfer in die Parklücke geschoben werden. Das seit über zehn Jahren besetzte Zentrum in der Innenstadt ist groß und hat einen schönen freien Innenhof, einen Ausstellungs- und Begegnungsraum sowie eine große Konzerthalle und Bar. Ein buntes Völkergemisch hängt hier rum und sorgt für gute Atmosphäre beim völlig außer Kontrolle geratenen Konzert, in dessen Verlauf Len unter dem Einfluss des Hieronymus Bosch Gemäldes sein Drum-Set verlässt, sich das Sichherheitshütchen aufsetzt, und Frankie, der eine Art freien arabischen Tanz zusammen mit Teilen des Publikums fabriziert, mit einer Stand Drum verfolgt - bis beide zusammenbrechen. Scheet jamt freakig verzweifelt und auch irre hemm, wälzt sich auch auf dem Boden, nur DD spielt konzentriert psychedelische Figuren. Anschließend verhandelt man über Wodka, Bier und anderes, zwei junge Afrikaner aus Äquatorial Guinea versorgen uns. Im weiteren Verlauf meint Len "Frankie sieht aus wie Elvis kurz vor seinem Ableben" und schüttet einen halben Liter Wodka nach - die Giddies sind da!
Wir kratzen die letzten Francs zusammen und trinken Kaffee mit Ausblick auf Monaco, dann geht es in die Alpen, nach Turin. Dort sind wir schließlich mal rechtzeitig.
Das EL PASO ist eine geniale, seit 8 Jahren besetzte, alte Villa mit Garten aus dem 18. Jahrhundert, die zu einer skurillen, fast surrealistisch anmutenden Kulturstätte umgebaut wurde. Im Garten kann man stundenlang am langen Tisch sitzen, Wein trinken und die gute Küche der Gastgeber genießen, die sich aus Schriftstellern, Filmemachern, Musikern und Künstlern zusammensetzt - es ist heiß, und natürlich wandern wir in die Stadt, in eine Bar. Später entdecken wir einen Plattenladen, dessen Besitzer hinter uns mit einer Spraydose herläuft, um die Luft rein zu halten. Das Konzert selbst hat nicht mehr die Energie, die es eigentlich nötig gehabt hätte.
"Wir laufen auf dem Zahnfleisch" stellt Scheet richtig fest. Das hindert uns nicht, weiterhin an der Bar rumzuhängen und zu italienischer Rock'n'Roll Musik der 50er Jahre zu versacken.
07.05.95 Biel
Wir. lassen DD in Aarau zurück, treffen nette Leute aus der Olten-Avalon Connection und fahren über die Grenze in den Schwarzwald, tief hinein, wo es Rotkäppchen-Bier und einen kleinen Camping Platz gibt, auf dem wir endlich unser Vorzelt ausprobieren können. Das klappt dann auch, nur liegen die Schlaufen für die Heringe nach innen (...) - eine Schande für den gesamten Camping Platz! Uns ist's egal.
08.05.95 Stuttgart
Scheet findet auf der Toilette des Camping Platzes eine Unterhose, die sauberer ist als seine, und zieht diese an. Eine Oma meint: „Hier gibt es keine Bäckerei im Dorf, nur eine Nudelfabrik" und dort finden wir dann auch tatsächlich Brötchen, weil die Fabrik doch recht klein ausfällt. Wir fahren nach Stuttgart, Tour Ende, letzter Gig: „Freie Merz Akademie". Wir bauen unser Equipement im Flur vor einem alten, vergitterten Fahrstuhl auf, installieren alle verbliebenen Feuerwerkskörper an unmöglichen Stellen - das Poster kündigt uns als Band an, "die die Geschlechtsteile auf auffrisst" - da muss man schon was bringen.
Aus der Türe, vor dem Len's Drum Set steht kommt ein Dozent namens DIEDRICH DIEDRICHSEN hervor und wundert sich, ehe er eine kurze Jam Session am Klavier mit uns intoniert - seltsame Zufälle. Es ist wie ein Neubeginn, als wir nach einer lärmigen Industrial-Kunsthochschule Gruppe auftreten - Höllenmensch-Musik mit viel Action - Feuer im Fahrstuhl und Evel-Knevel Kletter Aktionen, Glasbruch und und... eben der letzte Gig. Spuren hinterlassend. Wir enden dort, wo derjenige, der die HHS Kritik fürs Trust geschrieben hat, wohnt. Seltsam, wie alles. Der Trip hat ein Ende, und ist doch nie zu Ende: Wie soll er auch?
